Max

Das Leben lebt, die Trauer bleibt.

26. Februar 2005, 4.14 h. Dieser Tag, diese Minute teilt ihr Leben in zwei Hälften. Es gibt nur noch ein Davor und ein Danach.

Das Davor erscheint aus heutiger Sicht ein manchmal anstrengendes, aber immer irgendwie folgerichtiges Geschehen und Erleben zu sein. Das Danach ist eine hartes Stück Arbeit, eine Art Leben im Ausnahmezustand.

Am 26. Februar 2005, stirbt ihr Sohn Max. Er kommt tot zur Welt.

Wie soll man sich von jemanden verabschieden, den man nie hat kennenlernen dürfen?

Bettina hat eine Antwort darauf, sie hat ihre Antwort gefunden. Aber bis dahin war es ein weiter, sehr mühevoller Weg. Sie ist ihn gegangen und sagt heute, dass es ihr Leben bereichert.

Es ist Donnerstag, der 24. Februar. Eine normale Routineuntersuchung bei Frauenarzt steht an. Schon beim Aufstehen merkt sie, dass etwas anders ist. Ihre Beine sind nicht so geschwollen, wie sonst.

In der Praxis tastet der Arzt mit seinem Gerät nach den Herztönen. Max wehrt sich und will nicht wachwerden, denkt Bettina. Er ist heute genauso müde wie ich. Ach, wir haben ja nur noch drei Wochen. Dann haben wir es geschafft. In der Zwischenzeit ruft der Frauenarzt seine Kollegin. Auch sie versucht Max zu wecken. Ach komm, kleiner, jetzt melde dich endlich. Ich will dir doch Guten Morgen sagen. Aber Max will nicht. Er bleibt ruhig. Es bleibt totenstill.

Ab den Zeitpunkt erscheint das Geschehen wie hinter einer Schleierwand sich fortzubewegen. Die Stimmen entfernen sich, sie hallen nur noch.

Plötzlich ergreift der Arzt Bettinas Unterarm. So fest, dass es ihr wehtut. Mit beiden Händen greift er zu. „Max ist tot“ sagt er und der Schleier vor ihren Augen wird dichter, Tränen mischen sich drunter, salzig erreichen sie ihren Mund.  Aber, sie wehrt sich.

Mit einem Ach, wischt sie sich die Schmiere von Bauch, zieht ihre Hose hoch, herrscht den Doktor an: „Dann lass ihn doch in Ruhe, wenn er schlafen will. Dann ist er halt noch sehr müde.“, steht auf und geht raus aus dem Untersuchungsraum, wirft sich vorne den Mantel um und will raus aus der Praxis.

An der Tür sackt sie zusammen, die Helferinnen des Arztes kommen angerannt, stützen sie und sie wird in einen Raum gebracht, der das, was die Praxis für ihre Patientinnen braucht, schön und ordentlich aufgereiht in den Regalen stehen hat. Es ist die Vorratskammer. Und in der verliert sich Raum und Zeit. Eine Ewigkeit muss sie darin verbracht haben. Sie weiß es nicht mehr. Aber als sie hier ist, geht es ihr besser. Schließlich lässt der Doktor jetzt ihren Max zufrieden und sie ist mit ihm alleine. Zärtlich streichelt sie ihren Bauch, damit niemand etwas hört, vor allem der Doktor nicht, spricht sie leise mit ihm: „Schlaf ruhig, wenn du müde bist. Ich bin es auch. Und gleich fahren wir nach Hause, dann legen wir uns in unser Bett. Dann sind wir wieder alleine.“

Irgendwann geht die Tür auf, ganz vorsichtig und fast verschämt steht eine Helferin der Praxis im Türrahmen: „Ihr Mann ist da. Er holt sie ab.“

Was? Was will der denn hier? Hatte er nicht heute Morgen erzählt, dass er wichtige Termine hat?

So wild ist das ja nun auch nicht, dass Max noch sehr müde ist. Was soll das?

Der Frauenarzt kommt in seine Vorratskammer, setzt sich auf einen Stuhl, ergreift die Hand des Mannes und die von Bettina: „Ihr Sohn ist tot. Sie fahren jetzt ins Krankenhaus. Wir haben schon angerufen. Sie werden bereits erwartet.“

Die Fahrt ins Krankenhaus war endlos. Die beiden sprechen kein Wort miteinander. Jeder der beiden hat mit sich selbst zu tun. Er muss fahren und sie wendet sich ab, schaut aus dem Fenster und denkt noch: Die Welt dreht sich. Alles ist normal. Also bei mir auch. Aber irgendwie scheint sich von weither etwas an sie heranzuschleichen, das sie nicht packen kann.

Ich habe bereits zwei gesunde Kinder und ich werde auch dieses hier gesund zur Welt bringen. Dann halt drei Wochen vorher, dann halt schon heute oder morgen. Aber, ich werde ihn bald endlich im Arm halten, ihn wiegen, saubermachen, füttern und ihm bald alle meine Schlaflieder vorträllern.

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