„Deine Vergangenheit ist immer vorhanden. Sie ist in dich hineingefaltet.“

Es ist dieser eine Ort, der tief in meiner längst gewesenen Zeit immer noch schlummert. Der tief in mir drin sitzt. So tief vergraben war, dass er sich nur sehr mühsam in die Erinnerung schraubte. Dann aber da war und sich fest verankert hat, dass er zum Zufluchtsort wurde. Im Laufe der Zeit. Und zwar immer dann, wenn etwas passierte, dass sich während des Geschehens und aus der Perspektive danach als Narbe oder Falte eingefräst hat.

In der Hütte war es trocken, es war schon lange nicht mehr hell, draußen riefen die Erwachsenen schon seit langem ihren Namen. Aber der Regen, das Fallen der Tropfen auf das Dach der Hütte verschluckte ihre Stimmen. Sie hatte sich in der Ecke verkrochen. Zwischen den Geräten, die die Erwachsenen für den Garten brauchten und den Eimern und Tontöpfen saß sie die Beine angewinkelt und sah aus der Ecke heraus auf den kahlen, feuchten Lehmboden und suchte das hereinfallende Licht durch das Fenster. Sie versuchte sich zu konzentrieren auf das gleichbleibende immer wiederkehrende stete Fallen der Tropfen auf das Dach ihrer Hütte. Sie zog die Regenjacke noch enger zu, leise bibbernd sah sie wie draußen ihre Oma auf die Terrasse trat und nach ihr rief: „Isabell, komm rein. Du wirst sonst krank. Komm, wir essen gleich!“ Wie oft schon hatte sie das erlebt? Sie wußte es nicht, versuchte sich krampfhaft zu erinnern. Nein, diesmal wollte sie es ihnen nicht zu einfach machen. Sie sollten sie vermissen. Und lange nach ihr suchen. UNd vielleicht sogar auch mal weinen, wenn sie sie lange nicht fanden. Sie sollten leiden. So, wie sie heute gelitten hatte. Geschimpft hatten sie mal wieder mit ihr. Und die Nachbarskinder hatten sie ausgeschlossen bei ihrem Spiel. „Du spielst heute nicht mit. Wir bleiben zu viert. Du bist nur das fünfte Rad am Wagen…“ Noch hörte sie sie hinter ihr her rufen: „Du spielst nicht mit uns, bleib da…“ Isabells Kopf dröhnte, sie bekam Kopfschmerzen. So heftig, dass es anfing in ihrem Kopf zu hämmern. Im Rhythmus der Tropfen schlug der Hammer in ihrem Kopf gegen die Schläfen. Klopf, klopf, klopf….

Hier drinnen war sie sicher. Niemand vermutete, dass sie hier zwischen all den Gartengeräten bei strömendem Regen Zuflucht gesucht hatte. Niemand. Und das sollte auch noch lange so bleiben. Diesmal wirklich. So lange, dass sie sie schmerzlich vermissen würden. Aber wie lange war das – das mit dem Warten ?

Isabell wurde es immer kälter. Hier in der Hütte, das war ihr Platz zum Leben, von hier aus konnte sie sehen, was draußen geschah, aber die andern konnten sie nicht sehen. Sie bekam alles mit und blieb dennoch für die anderen unsichtbar.

Schon als sie ganz ganz klein war, als sie anfing selbst zu gehen, krabbelte sie die Treppe von der Terrasse runter und ging in ihre Hütte. Damals aber war die Hütte noch um ein Vielfaches größer. Aber, sie erinnert sich noch heute. Damals fing das an, dass sie sich hier drin versteckte. Vor dem, was da draußen so stattfand. Hier hatte sie ihren Ort, der nur ihr gehörte. Ganz allein. Und am schönsten war es eigentlich, wenn es draußen regnete. Aber heute kamen die Kopfschmerzen hinzu. Das machte es schwieriger. Wie schön wäre es jetzt, hier einfach rauszugehen, die Treppe zur Terrasse zu nehmen, oben anzuklopfen und um Einlass zu bitten? Außerdem war es mittlerweile so kalt, dass sie heftig zitterte. Plötzlich bemerkte sie ihr blutendes Knie. Wieso hatte sie das bis dahin nicht bemerkt? Vorsichtig versuchte sie mit den Fingern es abzutasten: Da war viel Dreck, soviel war sicher. Und jetzt pochte es auch in dieser Wunde. Klopf, klopf, Tropfen für Tropfen…Poch, poch. Plötzlich sehnte sie sich nach ihrer Oma, die sie sicher in ihre großen Arme nehmen würde, ihr die Wunde versorgen und sie mit einer warmen Suppe wieder aufpäppeln würde. Aber wie war das in Einklang zu bringen mit ihrer Wut im Bauch, die sie auf alles und alle empfand? Wie sollte sie es diesmal wirklich schaffen, sie alle leiden zu sehen?

Der Kopf, das Knie, das Tropfen…es ging nicht. Sie krabbelte aus ihrem Versteck, nahm an der Terrasse zwei Stufen auf einmal, klopfte an der Glastür. Die Oma nahm sie wie immer in ihre Arme, holte ein Handtuch, rieb sie trocken, versorgte die Wunde am Knie.

Auf der Eckbank saß Isabell und wartete auf ihren heißen Kakao. Und schlug die Decke noch enger um sich. Beim nächsten Mal, da würde sie sie leiden lassen. Bestimmt. Bis dahin leckte sie noch ihren inneren und äußeren Wunden. Und war froh, dass sie bei ihrer Oma war.

Und es ist dieser Ort, in dieser Hütte, der sich in meinem Gedächtnis tief eingegraben hat. Es ist dieser Ort, in dem jede Narbe, jede Falte in meinem Leben ihren Ursprung hat. Und an diesem Ort sie alle Zuhause sind. Es ist meine Vergangenheit, die dort immer vorhanden ist, die tief in mir gefaltet ist.

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